Historisches |
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Der Weg über das Timmelsjoch
führt, siedlungs- und kulturgeschichtlich
betrachtet, eigentlich vom Passeiertal in Südtirol
herüber in das Ötztal. Sogar der Name
des Joches und des in das Ötztal führenden
Timmelstales sind mit Almwirtschaft und Weiderechten
aus dem obersten Passeier gekommen.
Verschiedene
Tiroler Täler sind ja nicht nur von ihren
Mündungen her, sondern auch oder vor allem über
Jöcher und Sättel besiedelt worden. |
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Der uralte Pfad über dieses Joch war einer
der vielen Jochwege, die in Tirol einen nachbarlichen
Wirtschaftsverkehr ermöglichten und von größter
sozialer Bedeutung waren, auch kulturell, politisch
und religiös. Bis in die neue Zeit wurden von
den Menschen auch weite Reisen zu Fuß unternommen.
Es gab nur wenige Fernstraßen im heutigen Sinne,
und sehr lange blieben der Packträger und das
Saumtier für die Wirtschaft des Raumes von fast
ebenso großer Bedeutung wie auf den Straßen
der Fuhrverkehr. |
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Wenn wir in der Geschichte des
Verkehrs im Alpenraum und konkret in Tirol zu lesen
versuchen, stoßen wir auf folgende Tatsachen:
Um etwa 3000 vor Christus waren die Gletscherpanzer
der jüngsten Eiszeit wohl abgeschmolzen, doch
die Alpen blieben ein verschlossenes, abweisendes,
unheimliches Reich. Einsame Jäger, Flüchtlinge,
versprengte Sippen wagten sich in diese Welt. Doch
Neugierde und die Bereitschaft, auch unter Gefahren
und mit Strapazen Schätze zu erwerben, sind
so alt wie der Mensch.
In der frühen Bronzezeit
kamen Bergleute auf der Suche nach Erzen und schürften
schon intensiv und erfolgreich Kupfer. Dies geschah
vor einer echten Besiedlung und bäuerlichen
Kultivierung in einem größeren Ausmaß.
Die
Stämme der Hirten und Bauern erkannten,
dass die Mittelgebirge, die Talstufen, die großen
Becken der Seitentäler wirtlicher waren
als die Böden der Haupttäler mit ihren
morastigen Aulandschaften und vielen Überschwemmungen.
So
kam es zur Besiedlung Tirols mit dem dichten Gewebe
der Jochwege. Dabei hatte der im Mittelalter und
in der früheren Neuzeit blühende Bergbau
mit seinen hochgelegenen Bergwerken und zahllosen
kleinen Schürfstellen auch für die Ausprägung
dieses Verkehrsnetzes besondere Bedeutung. Zum
Bergbau könnten auch die größeren
und kleinen Marmor-brüche, die gewerbliche
Suche nach Halbedelsteinen und ihr Vertrieb, die
Ausbeutung sehr hoch gelegener Ölschiefervorkommen
gerechnet werden.
Fußreisende, Kraxenträger
und auch Leute, die Waren mit Rössern und Maultieren
säumten, suchten nicht den bequemsten, sondern
den kürzesten Weg, der noch zu bewältigen
war. |
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Es ist unvorstellbar, welche
Leistungen von den alten Tiroler Kraxenträgern
dabei erbracht wurden. Die berühmten Ötztaler
Kraxenträger
transportierten hundert Kilogramm pro Weg. Da war
eine elementare Schule des modernen Alpinismus gegeben.
Es
ist kein Wunder, dass eine seiner Wiegen das Ötztal
ist. Das Timmelsjoch war stets einer der wichtigsten
dieser Übergänge. Der Weg führte von
Meran, der alten Hauptstadt des Landes mit dem Schloss
Tirol über ihr, in das Tal von Passeier.
In
Sankt Leonhard gabelten sich die Wege: der eine
führte über
das Timmelsjoch und durch das Ötztal in das
Inntal, der andere ging zum Jaufenpass und hinab
in das reiche Sterzing, mündete dort in die
große Brennerstraße ein. Sankt Leonhard
ist der Schutzpatron der Fuhrleute und der Rösser.
Auch die Kraxenträger beteten zu ihm.
Die relative
Dichte des Verkehrs über die Jöcher
war natürlich auch sehr von der Almwirtschaft,
mit dem Schaf- und Rindertreiben, aber auch sehr
wesentlich religiös bestimmt: von Wallfahrtskirchen
und Wallfahrten an bestimmten Feiertagen herüber
ins Ötztal und hinüber ins Passeier.
Diese
Wallfahrten, bei denen es sich zumeist um Fürbittereisen
zu einem Gnadenbild der Mutter Gottes handelte,
waren wohl mühsam, aber sie waren auch festlich
und gesellig, vermittelten vor allem Frauen ein
Gefühl
für die Weite der kleinen Welt, die Heimat
heißt.
Diese Wallfahrten stifteten gewiss
auch manche Ehe, gaben das Erlebnis der Zusammengehörigkeit
und boten auch Gelegenheit zu geschäftlichen
Gesprächen. |
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Das Timmelsjoch ist die tiefste
unvergletscherte Kerbe im Alpenhauptkamm zwischen
dem Reschenpass und dem Brenner. Sein Name ist älter
als der des Brennerpasses und auch früher erstmals
urkundlich genannt: 1241 Thymelsjoch.
So steht es
in einem Brief der Grafen von Eschenlohe, einem
Geschlecht aus der Gegend von Weilheim in Oberbayern.
Bis in
die Mitte unseres Jahrhunderts war die vorherrschende
Schreibweise Timmeljoch. Das Timmelsjoch hat sich
erst mit der Propagierung und dem Bau der Straße
durchgesetzt.
Die Ötztaler sagen zwar "der
Timmel", die Schreibweise Timmels ist jedoch älter
und
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sprachwissenschaftlich die richtige. Das Wort
Timmel ist vom Passeier zum Joch heraufgekommen und
hinab in das Ötztal, genauer: in das kleine
Tal von Timmels gestiegen.
Im hohen Passeier liegt
die Timmelsalm. Timmels ist ein vordeutsches Wort
und beschreibt die Beschaffenheit des Almbodens.
Er
ist uneben, buckelig, mugelig. Im Lateinischen heißt
Hügel: Tumulus.
Der Almboden hieß also
in tumulis: in den Buckeln, obgleich er exakt
nie so hieß, weil im Passeiertal nicht gebildete
Römer lebten, sondern Hirtenbauern, die
rätoromanisch
sprachen.
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Aus dem 19. Jahrhundert ist uns
eine wissenschaftliche und amtliche Information übermittelt,
die auf ein öffentliches Interesse am Timmelsjoch
hindeutet und vielleicht auch als Indiz für
erste Gedanken an einen Straßenbau gedeutet
werden könnte.
Im Amtsblatt "Bothe für
Tirol und Vorarlberg" erschien im Oktober 1844
eine Nachricht von "Barometrischen Höhenmessungen
aus dem südlichen Theile des Oberinntales". |
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Die moderne Technik der Vermessung
wurde dabei mit älteren kartographischen Vorstellungen,
die nicht streng rationalistisch, sondern menschlich
und pragmatisch sind, verbunden.
Höhenmessungen
wurden beim Stolleneingang eines Bergwerks, aber
auch am Standort einer Waldkapelle vorgenommen. Zu
den 42 gemessenen Punkten oder Orten gehört
auch das Timmelsjoch, mit 8000,9 Wiener Fuß ausgewiesen. |
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